Die Situation in Syrien ist auch hier spürbar, oder vor allem sichtbar.
Das Viertel rund um den Taksimplatz ist das ehemalige europäische Viertel, hier hatten zu osmanischen Zeiten die Europäer ihre Konsulate. (Und bevor man so richtig diplomatisch wurde, hat man ja einfach irgendwo rumgewohnt, und das Viertel, das heute Beyoğlu ist, war früher genuesisches bzw. venezianisches Gebiet.)

Direkt in der Istiklal Caddesi befinden sich (mindestens, vielleicht übersehe ich auch noch ein paar) noch immer die schwedische, die russische und die niederländische Botschaft.

Und wer mit offenen Augen durch die Strasse läuft (was eh zu empfehlen ist, damit man nicht all zwei Meter andere Passanten rammt), sieht genau dort syrische Flüchtlinge, die in mittelgrossen Gruppen und mit grossen Koffermengen vor den Botschaften sitzen, bis die Polizei kommt und sie abholt.

Auch sonst sind mehr arme Leute auf den Strassen als bisher – und das, obwohl ich schwer die Vermutung habe, dass Erdoğan (bzw. jetzt ja Davotoğlu) mit harter Hand durchgreift. Würde ihm zumindest ähnlich sehen.
(Sie wissen ja, was ich über Flüchtlinge denke. Gilt auch hier.)

Und in gewisser Hinsicht erklärt das auch die Polizeipräsenz auf der Strasse, wenn man vom üblichen Sicherheitsgetue absieht, das spätestens seit den Demonstrationen letztes Jahr herrscht.
In mehrfacher Hinsicht (ich danke meinem Vater für die telefonisch übermittelte Einsicht) – nicht nur, dass jede Flüchtlingswelle Ressentiments bei der Bevölkerung hervorruft*, man kann auch davon ausgehen, dass Istanbul zur Standardroute nicht-lokaler Islamisten gehört.
Entweder auf dem Weg zur syrischen Grenze, weil Flüge nach Istanbul weder illegal noch besonders überwacht sind (wohingegen ein Flug nach Damaskus aktuell schwierig sein könnte), oder für die Rückkehrer, von denen eine grössere Anzahl wohl auch direkt von hier kommt.

Und wer garantiert denn, dass nicht irgendwer auf dem Weg in den oder aus dem Krieg auf die Idee kommt, dass Istanbul ein verwestlichter Sündenpfuhl ist, den er dem Erdboden gleichzumachen gedenkt?
(Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die Türkei zum Anschlagsziel wird, und wo besser, als in dieser europäischsten Stadt des Nahen/Mittleren Ostens?

Insofern muss ich wohl meine inhärente Abneigung gegen die türkische Polizei ein bisschen zur Ruhe rufen – eventuell haben die doch noch andere Aufgaben, als demokratische Demonstranten niederzuknüppeln.

*Dabei dürfte Istanbul noch recht glimpflich davonkommen, schliesslich ist es ein verdammt weiter Weg von der syrischen Grenze bis hierher. Je weiter östlich, umso grösser werden wohl auch die Flüchtlingsmengen sein.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesehen., On the road. veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s