Blaue Briefe

Ich habe eine sehr schlechte Angewohnheit – ich habe Angst vor allem finanziellem. Ich habe Angst davor, auf mein Konto zu gucken; ich habe Angst davor, Rechnungen zu öffnen; davor, Anrufe unbekannter Nummern entgegen zu nehmen für den Fall, dass es sich um jemanden handelt, der mich anschreit, weil ich etwas bezahlen muss.

Das führt dazu, dass ich manchmal zwei oder drei Wochen alle Post liegen lasse, in der Angst, es könnte etwas „schlimmes“ darin enthalten sein. Und das, obwohl mein Gehalt und mein Erspartes für so ziemlich alles ausreichen, was so kommen könnte. Die Angst davor, den Kontostand zu sehen, wenn ich eine Rechnung bezahle, ist so gross, dass ich lieber meine erprobte und völlig nutzlose Strategie des „Augen zu und tot stellen“ anwende. (Und, das ist mir schon durchaus auch klar, ich damit alles noch schlimmer mache.)

Ich verdanke dieses Verhalten meinen Studienjahren und insbesondere dem Bafögamt – aufgrund gewisser Umstände wurde mein Bafögbezug jedes Jahr neu berechnet, sodass ich nie wusste, ob ich 85 oder 585 Euro im Monat bekäme. Und weil die Damen und Herren dort öfter mal von der Menge eingehender Anträge kurz vor Beginn eines Semesters völlig überrascht wurden, war auch nie ganz klar, ab wann ich Geld erhalten würde. Pünktlich zum 01.09., wenn das alte Bafög nicht mehr gezahlt wurde? Oder doch erst zum 23.12., wenn denn dann alles erledigt war?

Das alles ist mir bis heute geblieben – die Angst vor der Auseinandersetzung mit Geld.
Und obwohl ich seit 6 Jahren arbeite und mehr verdiene als ich mir je vorstellen konnte, rast mein Herz, wenn ich die Online-Banking-App aufrufe, weil ich Angst habe, dass mein Lohn doch nicht gezahlt wurde, dass irgendein abstruser Zwischenfall meinen Kontostand auf 0 gesetzt hat.

Ich weiss, dass es Quatsch ist. Dass von 15 ungelesenen Briefen genau einer eine Rechnung enthielt, dass mein Arbeitgeber (egal welcher) meinen Lohn pünktlich zahlt, und dass das Bafögamt nicht mehr kommen kann mit „Das war alles ein Fehler; bitte zahlen Sie alles Bafög der letzten 3.5 Jahre bis übermorgen zurück.“

 

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