„I don’t do zone two“

Wir machten gestern einen Sonntagsspaziergang zur nächstgelegenen Tube-Station, Bermondsey. (Achtung, nur weiterlesen, wenn Ihnen schon vorher klar war, dass ich ein arrogantes, herablassendes Arschloch sein kann.)

Nun gibt es ein wichtiges Detail, das man über London wissen muss – anhand der Underground Map wird London in verschiedene Zonen eingeteilt.

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Diese Zonen bestimmen primär, was eine Fahrt mit der Tube kostet, und wie hoch das tägliche Limit ist, das man maximal bezahlt.
In Zone 1 kostet eine Fahrt £2.40, und das Maximum liegt irgendwo bei £6.50 – sobald man Zone 1 verlässt, schnellen diese Preise gewaltig in die Höhe.
Wir wohnen ziemlich genau auf der Grenze, und eigentlich ist die nächste Station in Zone 2. Da der Unterschied aber nur wenige Meter beträgt, fahre ich natürlich lieber ab Zone 1.

In der Londoner Realität bestimmt die U-Bahn-Zonung aber vor allem die Miete. Zone 1 ist um einiges teurer als Zone 2, und in Zone 6 könnten wir für unsere monatliche Miete für eine 3-Zimmer-Wohnung wahrscheinlich ein Haus mit Parkplatz mieten. (Parkplätze sind in London so rar, dass man getrost davon ausgehen kann, dass die Besitzer ein nicht unerhebliches Einkommen haben – egal, was für ein Auto drauf steht.)
Dafür gibt man halt das, was man an Miete spart, für Mobilität aus.

Letztendlich muss man sich überlegen, was einem wichtiger ist: Nähe zum Stadtzentrum mit all seinen Annehmlichkeiten, oder Platz und Komfort.
Zone 1 ist inzwischen auch fast völlig gentrifiziert. Von ein oder zwei leicht verloren wirkenden Wohnblöcken mit Sozialwohnungen mal abgesehen, ist das Stadtzentrum komplett im Griff von Menschen mit überdurchschnittlichem Einkommen und/oder Ölfeldbesitz.

Aus all diesen Gründen gibt es auch eine sehr klare Trennung, die deutlich sichtbar wird, wenn man Zone 1 verlässt:
– die Jogginghosen-Dichte steigt um ein vielfaches
– die Masszahl homosexueller Hipsterpärchen pro Tag und Quadratkilometer sinkt auf nahe Null
– es gibt Bushäuschen-Menschen – Gangs von 13-18jährigen Möchtegerngangstern, die in Ermangelung einer Räuberhöhle ihre Freizeit damit verbringen, bedrohlich in Bushaltestellen-Häuschen zu sitzen und zu rauchen
– die Auswahl glutenfreier Lebensmittel in Supermärkten ist deutlich eingeschränkt; gleiches gilt für organisch-lokalen Kaffee, handgebrautes Bier aus Nachbar Jims Badewanne mit Käsegeschmack (wasweissdennich, was grad mal wieder hip ist), und für widerlich gelbgrünen Schleim mit Bröckchen undefinierbarer Herkunft drin, der als Smoothie für £7 verkauft wird
– die Chance/das Risiko, Drogen angeboten zu bekommen, ist dafür deutlich höher (hey, wozu organischer Kaffee und Grünkohl-Bananen-Smoothie, wenn ich auch lokal hergestelltes und fair gehandeltes Crystal Meth bekomme!)
– der Wortschatz der Eingeborenen ist deutlich eingeschränkt, die Lautstärke von Konversationen jedoch deutlich erhöht
– Körperhygiene ist eher optional
– niemand kommt auf die Idee, sein Fahrrad vor der Tubestation anzuketten

Sagen wir mal so – es gibt bestimmt auch Ecken in London, in denen auch Zone 2 schon deutlich gentrifiziert ist, sodass das Gefälle nicht so auffällig ist wie zwischen Southwark/Bankside und Bermondsey. Immerhin ist SE1 auch erst seit einigen Jahren (6-7, wenn ich schätzen müsste) ein begehrter Postcode mit Gentrifizierungsanfälligkeit, und jetzt schon sieht man die ersten Anzeichen, dass die Audi-Dichte grösser wird.

Ich übe jedenfalls nach diesem Ausflug wieder meinen snobistischen Tonfall für den höchst wichtigen Satz „I don’t do Zone 2…“

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